Eine fiktive Serie inspiriert von Schweizern Schauplätzen und meinen Klassenausflügen.
Ein Klassenlager in der Schweizer Gemeinde Brienz hat mich zu dieses Projekt in die Wege geleitet. Ich war damals 12 Jahre alt. Wie die Figur Jens musste ich Tagesberichte verfassen, deshalb wird diese Geschichte in Form seines Berichtes erzählt. Der Schauplatz mit dem Lagergelände und dem Brienzersee hat mich inspirert, die Geschichte mit dem Mordfall ist strikt fiktiv. Als ich Zuhause angekommen bin habe ich wild drauflosgeschrieben, doch die Geschichte blieb trotz einigem Material unvollendet. Vor ein paar Jahren erschien eine fertige Version der Geschichte, wie ich sie unsprünglich geplant hatte. Als ich dieses Jahr die Fortsetzung Mord in den Alpen niedergeschrieben habe, die auch auf einer älteren Idee basiert, habe ich die Chance genutzt Mord im Klassenlager etwas umzuschreiben und zu verbessern. Vielleicht hat sich Jens einfach falsch erinnert?
Leseprobe:
Kapitel 1: Der Schauplatz
«Klassenlager sind immer etwas Besonderes».
Das dachte ich mir, während unser Reisebus auf der scheinbar endlosen Strasse entlangfuhr. Auf der einen Seite von uns glänzte der See, in dem sich die Sonne spiegelte und auf der anderen war eine hügelige grüne Landschaft geschmückt mit einigen alleinstehenden Bäumen. Draussen war es ein ruhiger Tag, um mich herum aber lärmten fröhlich meine Mitschüler.
«Willst du nicht auch einen Papierflieger?», fragte mich Nelson, der neben mir sass. Er liess seinen durch das obere Stockwerk des Busses segeln. Der Flieger machte eine Wende, flog aus dem offenen Busfenster und traf einen überraschten Passanten auf dem Gehweg.
«Was für ein Flug!», lachte Nelson. So hiess er eigentlich nur zum Nachnamen, aber die meisten in unserer Klasse nannten ihn so. Ich hingegen nannte ihn nur nervig. Während meine Mitschüler noch über Nelsons Papierflieger grinsten, bemerkte unser Lehrer Herr Martin, der zuhinterst sass: »Stellt euch vor, gerade wurde ein Passant von einen Papierflieger getroffen! Wo der wohl herkam?»
Wie ihr seht, war unser Herr Lehrer nicht gerade die hellste Leuchte am Firmament. Herr Martin wandte sich wieder seiner Zeitung zu, die so langweilig aussah wie er selbst.
Nelson beanspruchte wieder meine Aufmerksamkeit, denn er flüsterte mir zu, dass es unsere Pflicht sein würde, unserem Lehrer ein paar geniale Streiche zu spielen. Nelson war klein aber immer voller Energie, weil er konstant zu viel Zucker konsumierte. Weil ich auf meinen Papierflieger verzichtete, formte Nelson daraus Papierkugeln, mit denen er die Mädchen bewarf, die vor uns sassen.
Ich hätte ja lieber neben meinem besten Freund Norbert gesessen, aber der hatte versucht mit Heinz ein Gespräch anzufangen, was ihm aber gründlich misslungen war. Heinz redet nämlich praktisch mit niemandem, ausser dem Lehrer. Heinz mochte zwar der Klassenjüngste sein, weil er eine Klasse übersprungen hatte, dafür kleidete er sich gleichmässig stilsicher wie Herr Martin. Mit seinem polierten Erscheinungsbild fiel es mir schwer ihn ernst zu nehmen. Norbert hingegen hatte unordentliche schwarze Haare, die zu seinen schmutzigen Kleidern passten. Er war gerade in seiner zweiten Rebellionsphase. Das erste Mal ging es um Familienprobleme. Diesmal hatte er sich mit dem ganzen System angelegt, was auch immer das heissen mochte. Nachdem er seine Versuche, Heinz in ein Gespräch zu verwickeln aufgegeben hatte, steckte er Kopfhörer ein und starrte melancholisch aus dem Fenster. Fast alle Schüler in unserer Klasse hatten ihre Eigenartigkeiten. Bei mir gab es in diesem Bereich allerdings Schwierigkeiten. Das einzig ungewöhnliche an mir war, dass ich derjenige in der Klasse mit roten Haaren und Sommersprossen war, geschuldet meiner schottischen Abstammung. Aber abgesehen von meinem Aussehen… Ich war nie besonders auffällig. Ich war nie besonders.
Der Bus bog auf eine lange gerade Strasse ab. Mehrere grosse private Grundstücke reihten sich nebeneinander.
«Da sind wir», verkündete Herr Martin, als der Bus vor einem rostigen Tor in einer Mauer hielt. «Los, bringt euer Gepäck auf das Gelände.»
Freudig sprangen wir von unseren Sitzen, um frische Luft zu schnappen.
«Hoffentlich habt ihr euer Schreibzeug nicht vergessen», rief Herr Martin uns nach, «Tagesberichte müssen nun mal geschrieben werden!»
«Das Wetter für diese Woche sieht echt sonnig aus», sagte Norbert zu mir. «Schade», fügte er hinzu.
Ich schleifte meinen schweren Koffer zum Tor, den meine Mutter mit einem Familienfoto beigelegt hatte. Wie kindisch!
«Du hast meinen Koffer genommen», sagte Sara zu Lara. «Von wegen,» sagte Lara zu Sara zurück.
Ich konnte die Zwillinge wie alle anderen auch nicht auseinanderhalten und sie selber scheinbar auch nicht. Vielleicht hatten ihre Eltern ihnen deshalb diese dämlichen Namen getauft.
Als alle ihr Gepäck aus dem Bus genommen hatten, öffnete Herr Martin feierlich das Tor. Neugierig betraten wir das Gelände. Vorher hatten uns Hecken und Bäume die Sicht versperrt, doch nun konnten wir einen besseren Blick vom Gelände ergattern. Vor Staunen fielen uns fast die Kinnladen hinunter. Das Lagergelände war riesig! Neben uns stand das Lagerhaus und ein Pfad führte vom Haus zum See, den wir in der Ferne erblickten. Links und rechts vom Pfad befanden sich zwei Waldflächen.
«Verirrt euch bitte nicht alleine im Wald», mahnte Herr Martin.
«Darf man sich zu zweit verirren?», scherzte Nelson. Herr Martin beachtete ihn nicht und fuhr fort: «Hinter dem Wald auf der linken Seite befindet sich der See und auf der rechten Seite ein weiteres Grundstück. Weiter vorne ist ein kleiner Campingplatz, wo wir am Schlussabend übernachten werden. Das Gelände wird nicht verlassen! Nicht so wie im letzten Lager!»
Ein Paar der Jungs grinsten.
«Ausserdem», betonte er, «werde ich den Schlüssel für das Tor in der Schublade in meinem Zimmer aufbewahren!»
Es war wirklich anstrengend, nicht loszulachen. Der Schlaumeier hatte das Versteck gleich selber verraten! Ich drehte mich zum Lagerhaus um. Nebenan stand ein kleineres Gebäude, das wie ein kleiner Turm aussah. Beide Gebäude waren aus roten Ziegelsteinen gebaut und es hatte offenbar niemand Zeit gefunden sie zu übermalen. In diesem Moment kam gerade jemand aus dem Lagerhaus.
«Ah, hier kommt unser Gastgeber», sagte Herr Martin. «Das ist Herr Hotz, er ist der Besitzer vom Lagerhaus.»
Im Gegensatz zu Herr Martin, der praktisch eine Glatze hatte, war Herr Hotz von abstehenden, schwarzen Haaren bedeckt. Er hatte einen Bart und dicke Augenbrauen und sah extrem finster aus. Herr Hotz sagte gar nichts, sondern blickte ziemlich grimmig drein. Herr Martin schien etwas unbeholfen, offensichtlich hatte er erwartet, dass Herr Hotz sich vorstellen würde.
«Nun, dann bringt euer Gepäck auf eure Zimmer im zweiten Stock. Ein Zimmer für die Jungs und eins für die Mädchen. Strikt getrennt bitte.»
«Ein Glück», sagte Andrea. Andrea hatte eine generelle Abneigung gegenüber Jungs. Sie blickte in Nelsons Richtung. Auf ihrem Rücken klebte noch eine Papierkugel, die wegen seiner Spuke haftete.
«Ich hab nichts gemacht», sagte ich entschuldigend.
Sie verdrehte bloss die Augen.
Unsere Klasse bestand aus sechs Jungs und sechs Mädchen. Vor dem Eingang gab es nun ein geschlechtsgemischtes Gedränge. Wir kletterten die Treppe zum zweiten Stock hoch. Dieser bestand lediglich aus einem langen Korridor, den Schlafzimmern und zwei grossen Badezimmern mit glänzenden schwarzen Fliesen und riesigen Spiegeln. Die Einrichtung in den Badezimmern schienen das einzige Neue im Lagerhaus zu sein. In den Schlafzimmern gab es Doppelbetten. Jeder schnappte sich den erstbesten Platz und wir rannten wieder herunter, um den ersten Stock zu besichtigen. Dessen Hauptkomponente waren das Esszimmer und die Küche, und es hatte auch einige abgeschlossene Räume. Das Lagerhaus schien ganz in Ordnung bis auf ein Zimmer. Herr Martin nannte es das Arbeitszimmer. Dort sollten wir immer nach dem Mittagessen ein bisschen Rechnen oder Sprachübungen oder sonst irgendeinen Quatsch veranstalten. Offenbar hatte unser Herr Lehrer vergessen, dass wir hier nicht in der Schule waren. Schliesslich gingen wir zurück zu unseren Zimmern. Es war schon fast fünf Uhr abends, denn wir waren erst nach dem Mittag auf die Hinreise gestartet. Ich begann den Inhalt von meinem Koffer zu durchwühlen. Es waren haufenweise Kleider dabei, aber auch andere Sachen wie Duschmittel, Schreibmittel, ein Sackmesser, Mückenspray, Hustenbonbons, der Schlafsack für die Campingnacht und – natürlich – das Familienfoto. Ich versuchte, mein Zeug wieder ordentlich in den Koffer zu verstauen, aber irgendwie passte es nicht mehr ganz. Nach der vergeblichen Mühe liess ich mich auf mein Bett fallen, das gleich bequem war wie das zuhause. Ich schaute mich nach meinen Zimmergenossen um. Heinz las in einem Buch mit einem dicken Einband. Wie schlau wollte der Kerl noch werden? Nelson zeigte Norbert etwas auf seinem Handy, obwohl Herr Martin eigentlich ein striktes Verbot von technischen Geräten im Lager verordnet hatte und Daniel und Mike diskutierten wer von ihnen oben schlafen durfte. Daniel gewann das Gespräch. Daniel kann manchmal recht überzeugend sein, meiner Meinung nach aber nach zu Unrecht. Daniel, Mike und Nelson waren ein Trio von Unruhestiftern. Nicht das ich neidisch auf so was bin, danke! Bei Norbert hingegen habe ich manchmal das Gefühl, dass er seine arme Mutter verschenken würde, um zu den beliebten Jungs zu gehören. Ich weiss, er ist mein Freund, aber ich muss schon zugeben, manchmal hat er Phasen, in denen er ein echter Mitläufer ist. Zum Glück scheint er sich momentan wieder auf seine Rebellionsphase eingelassen zu haben. Ich und Norbert hatten uns in den Pausen beim Skateboardfahren im Park besser kennengelernt. Norbert hatte mir einige Tricks beigebracht und so waren wir Freunde geworden. Ich hatte keine anderen Freunde, also konnte ich ihn gut gebrauchen. Wir lästerten ihn den Pausen gern über unseren Lehrer Herr Martin oder die Mädchen, oder eigentlich alle die nicht wir waren. Daniel lief gleich ins Bad mit den neuen schwarzen Fliesen, wohl um seinen Anblick zu bestaunen. Er sah nicht schlecht aus, das konnte ich ihm wohl lassen. Er hatte breite Schultern, war auch überall sonst muskulös und schwafelte immer über Getränke mit Proteinzugaben. Daniel behaupte sogar, er hätte schon Haarwachs am Kinn, aber ich bräuchte wohl eine Lupe um es zu sehen. Alles was ich sah, waren seine Pickel. Sein Freund Mike war technisch begabt und er war der vom Trio, der mich am wenigsten nervte. Er trug immer eine grosse schwarze Brille und half immer Herr Martin bei technischen Problemen. Angeblich war er auch derjenige, der letztes Jahr die Dateien aller Lehrer gehakt und öffentlich gestellt hatte ohne erwischt zu werden. Als ich ihn mal danach gefragt hatte, hatte er mich nur seltsam angeschaut, als vernahm er zum ersten Mal überhaupt meine Anwesenheit.
Dann gab es natürlich auch noch Nelson.
«Willst du nicht mal deine Verwandten besuchen?», Er stand auf und sprühte das ganze Zimmer mit Deo voll. «Schon fühle ich mich wie Zuhause», seufzte er zufrieden.
«Leute, in fünf Minuten müssen wir Tagesberichte schreiben», teilte uns Mike mit. «Ich habe keine Ahnung, was in diesem Bericht stehen soll. Schliesslich haben wir bis jetzt erst eine Zug- und Busfahrt hinter uns.»
Er war nicht der einzige mit dieser Meinung, musste ich feststellen, als ich später meinen Bericht abgab, in dem so ziemlich das spannendste war, dass Norbert mir im Zug einen Kaugummi angeboten hatte. Nach dem Abendessen, welches überraschenderweise vorzüglich schmeckte, denn ich hatte von Herrn Hotz keine Kochkünste erwartet, spielten wir im Esszimmer Würfelspiele. Ich musste ausgerechnet gegen Heinz antreten, der wenig sprach, aber viel würfelte, als ob sein Leben auf dem Spiel stand.
Sara und Lara spielten gegeneinander, doch ich wusste nicht, wer von ihnen gewann und wer verlor. Dann trat ich gegen Lea bei einem Kartenspiel an. Lea war immer von schlimmen Allergien geplagt und vergass auch immer entweder Taschentücher mitzunehmen oder sie gingen ihr sowieso gleich wieder aus. Sie nieste meine Karten voll. Ich wollte zwar ein Ass spielen, aber es war leider die Karte, die am meisten abbekommen hatte.
Vor der Nachtruhe war noch ein wenig Zeit übrig, darum rannten ich, Norbert, Daniel, Mike und Nelson zum Campingplatz. Unterwegs sahen wir eine Figur auf das Tor zulaufen, die von der Finsternis umhüllt wurde.
«Wer war das denn?», fragte Mike erstaunt, aber keiner von uns wusste Rat. Wir mässigten unsere Schritte, als der Campingplatz in Sicht kam. Die grünen Zelte waren schon in Reihen aufgestellt und es gab einen kleinen Grillplatz mit einer Feuerstelle.
«Jungs!», rief jemand hinter uns. Ich wandte mich zum Pfad, der zurück zum Lagerhaus führte. Ausser Puste betraten Emma und Lucy den Campingplatz und kamen ins Lichtfeld von Nelsons Taschenlampe. Emma hatte ihre langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Selbst im Licht der Taschenlampe sah sie umwerfend aus, wenn auch leicht knusprig, weil sie ständig am Sonnenbaden war. Nicht alle wussten, dass sie und Daniel das Klassenpaar bildeten. Wenn ich mich mit etwas auskenne, dann ist das ganz klar das Beobachten von anderen Personen. Vielleicht bin ich bloss neidisch, weil ich bisher mit dem weiblichen Geschlecht genauso erfolgreich Kontakt aufnehmen konnte wie die Menschheit offiziell mit Ausserirdischen. Jedenfalls, fand ich, dass die beiden furchtbar gut zusammenpassten.
«Die Frau, die vorhin das Gelände verlassen hat, ist die Gärtnerin», erzählte Lucy. «Wir haben eben erfahren, dass sie hier arbeitet.»
Als Lucy redete bemerkte ich wie immer ihre unglückliche Zahnlücke. Sie war hobbymässig eine Pfadfinderin und trug immer ein Foulard, darum entfachte sie das Feuer, nachdem wir das Holz gesammelt und hingestellt hatten. Wir bildeten einen Kreis um die Feuerstelle und sassen auf den Holzstämmen und Steinen ab, die herumlagen. Die Flammen begannen sich auszubreiten. In den Flammen stelle ich mir all unsere Gesichter vor. In der Mitte sah ich mein eigenes. Meine Haare verschwommen mit der Farbe des Feuers. Es war ein Gesicht eines nicht besonders besonderen Menschen, mit einem Mund den er selten gebrauchte. Das Besondere überliess ich den anderen. In den Flammen wurden sie noch aussergewöhnlicher. Die Flammen stiegen auf und griffen nach den Sternen am Nachthimmel.
Daniel und Emma sassen nebeneinander und wärmten sich gegenseitig was bei der Hitze des Feuers nicht notwendig war. Norbert sass nicht neben mir, sondern zu Mike und Nelson. Langsam fragte ich mich, ob er mich ignorierte. Lucy wollte wohl nicht neben den beiden Turteltaubem sitzen, also sie sass sie auf dem einzigen anderen freien Platz auf einem Baumstamm, und dass war neben mir.
«Hallo, Jens», sagte sie einfach und ich nickte ihr einfach zu.
Norbert ergriff das Wort. «Zu einem guten Lagerfeuer gehört auch eine Lagerfeuergeschichte», sagte er. «Ich kenne eine. Es ist nämlich nicht nur die Gärtnerin die an dieser Ortschaft ihr Unwesen treibt.» Er verstellte seine Stimme ein wenig. «Ich werde euch vom schrecklichen Vorfall, der sich hier abgespielt hat, erzählen.»
«Na, rück schon raus damit», befahl Daniel, «was ist hier passiert?»
Den Rest gibt es hier: